Comic Kritik: Fucked

S. und Cream auf dem Cover zu Fucked © Reinhard Kleist/Reprodukt

S. und Cream auf dem Cover zu Fucked © Reinhard Kleist/Reprodukt

In einem Moment der Klarheit fiel mir auf, dass ich mich zwar relativ gut mit der amerikanischen Comicszene auskenne, mir aus der europäischen aber kaum ein Name bekannt ist. Bis auf die frankobelgischen Selbstverständlichkeiten kenne ich aus dem deutschen Raum zum Beispiel nur Ralf König oder Brösel. Also habe ich mir vorgenommen, mich in dieser Hinsicht ein wenig zu bilden und mir bei meinen allmonatlichen Besuchen im Comicladen neben den für mich offensichtlichen Kandidaten Peter Milligan, Grant Morrison, Warren Ellis, Jeff Lemire, Craig Thompson, Charles Burns und Co. auch etwas aus dem deutschen und europäischen Raum empfehlen zu lassen.

Eine Empfehlung war vor einigen Tagen der deutsche Comiczeichner Reinhard Kleist. Der war mir tatsächlich bekannt und zwar als Autor verschiedener Biographien in Comicform. Seine Comics Johnny Cash: I See A Darkness, ELVIS – Eine illustrierte Biographie, Castro und der Boxer interessierten mich aber weniger. Seinen neueren, auf realen Begebenheiten basierenden Comics stehen aber im Gegensatz zu seinem Frühwerk, das zum Beispiel Meta-Adaptionen Lovecraftscher Horrorvisionen (Lovecraft) oder aber das atmosphärische Punkmärchen Fucked bietet. Letzterem habe ich mich gerade ausgesetzt und fühlte mich unmittelbar nach der Lektüre zu ein paar Worten inspiriert.

In Fucked geht es um das Berlin der ausgehenden 90er-Jahre. Genauer um eine autonome Wohngemeinschaft und eine im Wohnhaus gegenüberwohnende Frau. Alle Protagonisten haben ihre eigenen, psychischen Probleme, so auch die WG um Cream, Gun und Hackman. Während sich die unselbstbewusste Cream die MDMA-versetzten Nächte in Clubs um die Ohren schlägt, Männer abwehrend, weiß ihr Bruder Gun nicht so recht, was er mit seinem Leben anfangen soll und beobachtet tagein, tagaus seine scheinbar nymphomane Gegenüber-Nachbarin Brut mit dem Fernglas. Währenddessen sitzt Hackman in seinem dunklen Zimmer und spielt ein Internet-Text-Rollenspiel und traut sich nicht, das Haus zu verlassen. Die Welt dieser unzufriedenen jungen Menschen wird auf den Kopf gestellt, als der mysteriöse Punk S. auftaucht.

Fucked dreht sich um den Weg aus der Sackgasse. Keiner der Hausbewohner, auch die sich nicht als Nymphomanin herausstellende Brut, ist komplett mit seinem Leben zufrieden, aber ein Ausweg ist auch nicht in Sicht. Reinhard Kleist entwirft eine Welt voller Drogen und Apathie, aber auch voller interessanter Gestalten. Niemals den Raum des möglichen verlassend, bleibt er stets authentisch, auch wenn die Dialoge stellenweise etwas gestelzt und zu gewollt slang-artig daherkommen (gerade die Internet-Dialoge). Das sind Figuren zum Anfassen, denen wir in der Großstadwildnis Berlin vermutlich mit wenig Aufwand begegnen könnten. Der breite, dreckige Pinselstrich tut sein Übriges, um Fucked wie einen Ausguss der Wahrheit wirken zu lassen, als hätte Reinhard Kleist manisch eine Art Akkumulation der Erfahrung zu Papier bringen müssen.

Der harten visuellen Welt stellt er einen beständigen inneren Monolog seiner Figuren gegenüber. Wenn Cream verzweifelt versucht, den Beat im Club zu spüren und die anderen Menschen zu ignorieren, wird das von einem poetischen Monolog begleitet, der fast eine ganze Comicseite füllt und merkwürdigerweise nicht stört. Ich kann mir vorstellen, wie Fucked zustande gekommen ist: Vielleicht hatte Reinhard Kleist diese vielen verschiedenen Eindrücke als unabhängige Textfetzen auf dem Rechner liegen, bis ihm die darüberliegende Verbindung einfiel. Und diese Verbindung funktioniert wunderbar. So authentisch Fucked an vielen Stellen auch ist, vergisst dieser Comic nicht, was er ist: fiktional, damit reflexiv und katharsisch. Im Hinblick auf diese innere Dimension und auf den nächsten Absatz ist es kaum verwunderlich, dass es keine Sprechblasen gibt, sondern nur von den Gedankenboxen nicht zu unterscheidende Dialogboxen.

S. ist der Schlüssel zu Fucked. Ein Punk, der anfangs Gun auf anarchische Ausflüge mitnimmt, später Cream ihren Eigenwert und darüber den Wert menschlicher Nähe zeigt und schließlich auch mit Brut und Hackman verbunden ist. Wir wissen kaum etwas von S., wo er herkommt und was genau er eigentlich von den Hausbewohnern will. Die Hausbewohner wissen nicht einmal, dass sie alle einen gemeinsamen Freund (?) haben. S. ist ein Enigma, manchmal ein Tyler Durden (ohne die Schizophrenie), manchmal sanft wie ein Lamm und manchmal noch ganz andere Dinge. Er selbst ist ein Spiel mit der Fiktionalität, denn wir wissen nie so ganz, wieviel von diesem Mann echt ist, auch, wenn er ganz klar da zu sein scheint.

Etwa ab der Hälfte verschwimmt in Fucked alles, wird von der alternativen Großstadtimpression über gewisse Plot Points fast schon zu einer mysteriösen Geschichte um einen (Super-)Helden.  The Invisibles von Grant Morrison fiel mir dabei mehr als nur einmal ein, aber Fucked lehnt sich nicht derart aus dem Fenster (was auch nichts schlechtes ist), sondern bleibt auf dem dreckigen Berliner Boden, auf dem Geschichte fußt. Der Vergleich mit den Superhelden und von diesen beeinflussten Genres kommt nicht von ungefähr. Anspielungen auf die Nibelungensage finden sich zuhauf, S. trägt seinen Anfangsbuchstaben auch nicht ohne Grund und ist letztlich so etwas wie ein unwirklicher Held, den die Wohngemeinschaft um Cream bitter nötig hat. Und genau so bitter wäre es, noch mehr zu verraten.

Reinhard Kleist beweist in diesem Frühwerk gekonnt, dass er mit verschiedenen Genres und subtilen Plotelementen spielen kann, ohne sie zu übertreiben oder ins Leere laufen zu lassen. Und er hat mir mehr als deutlich bewiesen, dass ich demnächst öfter am deutschsprachigen Regal Halt machen sollte.

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